Neues Diskussionspapier zum Thema Risikotragfähigkeitskonzepte
Publikationen
19. September 2017

Neues Diskussionspapier zum Thema Risikotragfähigkeitskonzepte

Zu den wesentlichen neuen Regularien in Folge der Finanzkrise gehört die angemessene Einschätzung des Risikomanagements. In einem Diskussionspapier stellt die BaFin aktuell ihren neuen Leitfaden zur aufsichtlichen Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte vor. Darin werden Grundsätze, Prinzipien und Kriterien erläutert, die künftig bei der Beurteilung der individuellen Bank zugrunde gelegt werden sollen.

Da sich signifikante Änderungen der Rahmenbedingungen ergeben haben, hat die BaFin ihren Leitfaden auf eine neue Basis gestellt. Neu sind darin unter anderem zwei Perspektiven des Risikotragfähigkeitskonzepts, nämlich aus normativem bzw. ökonomischem Blickwinkel.

 BaFin Diskussionspapier veröffentlicht: bankinterne Risikotragfähigkeitskonzepte

 In aller Kürze

  • Entwurf des neuen Leitfadens zur aufsichtlichen Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte veröffentlicht.
  • Adressaten sind Kreditinstitute, die unmittelbar der deutschen Aufsicht unterstehen.
  • Neues Konzept verlangt zwei Perspektiven der bankinternen Risikotragfähigkeitsermittlung: eine normative und eine ökonomische Perspektive.
  • Ziel ist die Angleichung der Beurteilungskriterien für LSIs innerhalb des SSM bei gleichzeitiger Wahrung des Proportionalitätsprinzips.
  • Anpassungsbedarf bestehender Risikotragfähigkeitskonzepte auf Seiten der Institute sowie Auswirkungen auf Kapitalplanung und Stresstests.
  • Diskussionspapier ermöglicht Kommentierung bis zum 17.10.2017.

 Überblick

Mit dem am 06.09.2017 veröffentlichten Diskussionspapier stellt die BaFin ihren neuen Leitfaden zur aufsichtlichen Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte vor.

Das Diskussionspapier enthält Grundsätze, Prinzipien und Kriterien, die von der Aufsicht bei der Beurteilung der bankinternen Risikotragfähigkeitskonzepte von Instituten, die der unmittelbaren deutschen Bankenaufsicht unterstehen, zugrunde gelegt werden sollen.

Die deutsche Aufsicht erwartet von den Instituten, in ihrem Risikotragfähigkeitskonzept zwei Perspektiven zu berücksichtigen: eine normative Perspektive, die dem Ziel der Fortführung des Instituts dient, und eine ökonomische Perspektive, die der langfristigen Sicherung der Substanz des Instituts und dem Schutz der Gläubiger vor Verlusten aus ökonomischer Sicht dient.

 Warum ein neuer Leitfaden?

Die EU-Bankenrichtlinie (Richtlinie 2013/36/EU), welche durch das KWG in deutsches Recht umgesetzt wird, fordert, dass Institute über solide, wirksame und umfassende Strategien und Verfahren verfügen, mit denen sie die Höhe, die Arten und die Verteilung des internen Kapitals, das sie zur quantitativen und qualitativen Absicherung ihrer aktuellen und etwaigen künftigen Risiken für angemessen halten, kontinuierlich bewerten und auf einem ausreichend hohen Stand halten können (Internal Capital Adequacy Assessment Process – »ICAAP«). Diese Risikotragfähigkeitskonzepte von Instituten, die der unmittelbaren deutschen Bankenaufsicht unterstehen, werden von der BaFin auf Grundlage des »Leitfaden – Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte« vom 07.12.2011 überprüft.

Da sich seit der Veröffentlichung des bisherigen Leitfadens signifikante Veränderungen der Rahmenbedingungen ergeben haben, hält es die BaFin für erforderlich, die aufsichtlichen Beurteilungskriterien zu bankinternen Risikotragfähigkeitskonzepten auf eine neue Basis zu stellen.

Ausschlaggebend sind die Veränderungen in der europäischen Aufsichtsstruktur und –praxis aufgrund des Single Supervisory Mechanism (»SSM«) und den damit verbundenen neuen Aufgaben und Kompetenzen der EZB, sowie den Leitlinien zum aufsichtlichen Überwachungs- und Bewertungsprozess (Supervisory Review and Evaluation Process – SREP«) der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (European Banking Authority – »EBA«). Hieraus ergeben sich Veränderungen für die bankaufsichtliche Beurteilung der bankinternen Risikotragfähigkeitskonzepte (ICAAP), aber auch Anpassungsbedarf auf Seiten der Institute hinsichtlich ihrer bestehenden Risikotragfähigkeitskonzepte.

Das vorliegende Diskussionspapier mit dem Titel »Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte und deren prozessualer Einbindung in die Gesamtbanksteuerung (»ICAAP«) – Neuausrichtung« stellt einen Entwurf eines neu strukturierten und inhaltlich angepassten Leitfadens zur aufsichtlichen Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte vor, der den neuen Gegebenheiten und auch den Beurteilungskriterien innerhalb des SSM Rechnung trägt und das Proportionalitätsprinzip wahren soll. Stellungnahmen zum Diskussionspapier können bis zum 17.10.2017 bei der BaFin oder der Deutschen Bundesbank eingereicht werden.

Insbesondere Institute betreffend, die der deutschen Bankenaufsicht unmittelbar unterstehen, zeigt die BaFin Grundsätze, Prinzipien und Kriterien auf, die von der Aufsicht zur Beurteilung der bankinternen Risikotragfähigkeitskonzepte herangezogen werden, auf den rechtlichen Vorgaben des KWG und den entsprechenden MaRisk basieren und gleichzeitig die aktuellen Entwicklungen im einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus SSM widerspiegeln.

Die EZB hat bereits ihre Erwartungen an den institutsinternen ICAAP bei bedeutenden Instituten (Significant Institutions – »SIs«) veröffentlicht und um Stellungnahme gebeten. Das vorliegende Diskussionspapier der BaFin orientiert sich daher inhaltlich an den Erwartungen der EZB zum ICAAP und antizipiert die Entwicklung der Erwartungen an weniger bedeutende Institute (Less Significant Institutions – »LSIs«). Damit soll die nationale Vorgehensweise bei der Beurteilung der ICAAPs der Institute, die unmittelbar der deutschen Aufsicht unterstehen, im Einklang mit der harmonisierten Vorgehensweise innerhalb des SSM erfolgen.

Nicht Gegenstand dieses Diskussionspapiers sind die im Rahmen des SREP vorgenommene Festsetzung des aufsichtlichen Kapitalbedarfs und die zugrundeliegenden Verfahren und Methoden, sondern die institutsinterne Risikoermittlung und die Ermittlung der Risikodeckungspotenziale, die in der Regel auf anderen Verfahren und Methoden basieren und von der Aufsicht zu beurteilen sind.

Wesentliche Neuerungen des vorliegenden Diskussionspapiers: zwei Perspektiven des Risikotragfähigkeitskonzepts

Zur Sicherstellung der Risikotragfähigkeit sind gemäß MaRisk (AT 4.1 Tz. 2 MaRisk 2017) Verfahren einzusetzen, die zwei Schutzziele angemessen berücksichtigen: das Ziel der Fortführung des Instituts und der Schutz der Gläubiger vor Verlusten aus ökonomischer Sicht.

Mit dem vorliegenden Diskussionspapier unterbreitet die deutsche Aufsicht ihre Erwartung an die Erfüllung dieser beiden Schutzziele und fordert, dass Institute ihrem Risikotragfähigkeitskonzept zwei Perspektiven zugrunde legen: (1) eine normative Perspektive und (2) eine ökonomische Perspektive.

Institute haben gemäß MaRisk (AT 4.3.2 Tz. 1) die Risikosteuerungs- und Controllingprozesse in eine gemeinsame Ertrags- und Risikosteuerung (»Gesamtbanksteuerung«) einzubinden, d.h. konsistent über alle Risikoarten (inklusive Liquidität) und Perspektiven hinweg. Es ist daher zu dokumentieren wie beide Perspektiven in der Steuerung berücksichtigt sind. Normative und ökonomische Perspektive sind miteinander verwoben, informieren sich gegenseitig für eine gleichgerichtete Steuerung und bieten dennoch unterschiedliche Blickwinkel auf die Risikotragfähigkeit des Instituts.

(1) Normative Perspektive

Die normative Perspektive umfasst die Gesamtheit der regulatorischen und aufsichtlichen Anforderungen und der darauf basierenden internen Anforderungen. Zu den Steuerungsgrößen gehören daher Kapitalgrößen und Strukturanforderungen.

Die normative Perspektive basiert auf regulatorischen und aufsichtlichen Kennzahlen und deren Berechnungslogik aus dem Meldewesen sowie der aufsichtlichen Kapitalfestsetzung für wesentliche Risiken.

Das Risikodeckungspotenzial in der normativen Perspektive setzt sich aus regulatorischen Eigenmitteln und ggf. weiteren aufsichtlich anerkannten Kapitalbestandteilen zusammen.

Die Risikoquantifizierung für Adressrisiken, Marktpreisrisiken und operationelle Risiken folgt den Anforderungen der CRR als rechtlicher Grundlage.

Der Kapitalplanung für zukünftige Perioden (mind. 36 Monate) sind verschiedene Szenarien (Planszenario und mindestens ein adverses Szenario) zugrunde zu legen. Entsprechend ist die aufsichtliche Kapitalfestsetzung wesentlicher Risiken plausibel fortzuschreiben und Planergebnisse zukünftiger Perioden finden ihren Eingang.

Ggf. ist bei den Szenarien der normativen Perspektive auch der Eintritt von Risiken aus der ökonomischen Perspektive zu berücksichtigen.

(2) Ökonomische Perspektive

Die ökonomische Perspektive basiert auf der Methodik des Instituts und verlangt sowohl bei der Risikoquantifizierung als auch bei der Ermittlung des Risikodeckungspotenzials eine Betrachtung auf ökonomischer Basis. Sie erstreckt sich auf Bestandteile, die in der Rechnungslegung und den aufsichtlichen Eigenmittelanforderungen nicht (angemessen) abgebildet werden.

Als mögliche Verfahren stellt die BaFin in diesem Diskussionspapier unter Berücksichtigung des Proportionalitätsprinzips die drei Ansätze (1) Barwertige Risikotragfähigkeit (RTF), (2) Barwertnahe RTF und (3) »Säule 1+ RTF« vor. Die Risikoquantifizierung muss bei wesentlichen Risiken sowohl erwartete als auch unerwartete Verluste umfassen. Grundsätzlich sind Risiken konsistent zur Definition des Risikodeckungspotenzials zu beurteilen und zu messen.

Folglich sind bei einer barwertigen Ableitung des Risikodeckungspotenzials (auf Basis der Ermittlung des Barwerts sämtlicher Vermögenswerte und Verbindlichkeiten des Instituts) Risiken ebenfalls barwertig zu messen. Alternativ kann ein Institut von Bilanzgrößen oder aufsichtlichen Kapitalgrößen ausgehen. Bei der barwertnahen Risikoermittlung basiert die Ableitung des Risikodeckungspotenzials auf Vereinfachungen, die sich in der Berechnung der Risiken widerspiegeln.

Möglich ist auch ein »Säule 1+« Ansatz, bei dem kleine und wenig komplexe Institute eine Annäherung an die ökonomische Perspektive anstreben. Hierbei ist es ausreichend, zu den Risikowerten der Säule 1, quantifizierte Risikowerte (Säule 2 Ergänzungen) hinzuzuaddieren, die nicht hinreichend in Säule 1 berücksichtigt sind oder weitere wesentliche Risikoarten darstellen.

Fazit

Die Inhalte des neuen Leitfadens erfordern eine weitgehende Neuausrichtung der ICAAPs bei Instituten, die unmittelbar der deutschen Aufsicht unterstehen. Die Implementierung sowohl der normativen als auch der ökonomischen Perspektive verlangen grundlegende Veränderungen bisheriger Risikotragfähigkeitskonzepte und damit Neuerungen der Ermittlung sowohl des Risikos als auch der Risikotragfähigkeit. In Anlehnung daran sind auch Auswirkungen auf Kapitalplanung und Stresstests absehbar. Es ist zu erwarten, dass sich der Anpassungsbedarf sowohl auf interne Prozesse als auch auf die Steuerung der Institute auf Leitungsebene auswirken wird.

Eine umfassende Analyse des Anpassungsbedarfs ist zu empfehlen, um die erforderlichen Neuerungen frühzeitig zu implementieren.
Für tiefergehende Diskussionen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Achtung: Kommentierungen des BaFin-Leitfadens sind bis zum 17. Oktober möglich.

Zum Verfasser
Eva Schnürer

Nach dem Studium der Germanistik, Psychoanalyse und Philosophie in Frankfurt arbeitet man vielleicht nicht zwangsläufig in der Finanzbranche, kann sich dort aber überraschend wohlfühlen. Eva Schnürer ist seit September 2017 für das Marketing von LPA zuständig und darüber hinaus verantwortlich für die interne und externe Kommunikation.

Eva Schnürer
Projektleiterin

Kontaktformular



Eva Schnürer
Projektleiterin

Kontaktformular



Eva Schnürer
Projektleiterin
Menü