MiFID II: Suitability Report
Publikationen
14. August 2017

MiFID II: Suitability Report

ESMA veröffentlicht Draft Guidelines

Im Juli dieses Jahres veröffentlichte die ESMA ein Konsultationspapier zur Konkretisierung ausgewählter Anforderungen an die Geeignetheitserklärung. Das Konsultationspapier beinhaltet erstmals Entwurfsleitlinien zu Algorithmen und Robo-Advice.

 Konkretisierung ausgewählter Anforderungen an die Geeignetheitserklärung

 In aller Kürze

  • Die Leitlinien werden digital und nennen Robo-Advice und Algorithmen
  • Die Selbstüberschätzung der Anleger wird thematisiert
  • Das Thema Kosten wird konkretisieret z.B. hinsichtlich der Auswahl von Anlageprodukten
  • Bei Tauschempfehlungen / »Restrukturierungen« werden Kosten-Nutzen-Analysen konkretisiert

Die ESMA veröffentlichte am 13. Juli ein Konsultationspapier zur Konkretisierung ausgewählter Anforderungen an die Geeignetheitserklärung. Die Entwurfsleitlinien betreffen die Themengebiete Anlageberatung und Portfoliomanagement. Nachfolgend die wichtigsten Neuigkeiten und Konkretisierungen im Überblick:

Information und Aufklärung des Kunden zum Sinn und Zweck der Eignungsbeurteilung

Kunden sollen über den Sinn und Zweck der Eignungsbeurteilung und den Grund der Vorgehensweise informiert werden. Sie sollen darauf hingewiesen werden, dass ohne diese Informationen Anlageberatung nicht möglich ist. Die bereits in den alten Leitlinien angeforderten wirklichkeitsnahen Beispiele sollen dem Anleger noch detaillierter erläutert werden, indem Prozentsätze als Beträge ausgewiesen werden. Es wird explizit konkretisiert, dass Unternehmen mit dem Kunden keinen Haftungsausschluss aus der Eignungsprüfung im Vertrag oder auf andere Weise vereinbaren dürfen, um sich in ihrer Verantwortung einzuschränken.

Erstmalige Aufnahme der Robo-Advising-Thematik in den Leitlinien

Die Tatsache, dass im Rahmen einer robotergesteuerten Beratung zwischen dem beratenden Unternehmen und dem beratungsempfangenden Kunden wenig bis gar keinen persönlichen Kontakt stattfindet, führt dazu, dass diese spezielle Situation in den Leitlinien besondere Erwähnung findet. Ziel dabei ist es, den Kunden besonders deutlich darauf hinzuweisen, dass die Antworten, die dieser in einer Eingabemaske eintippt, aus einem Dropdown-Menü auswählt o.Ä. eine unmittelbare Auswirkung auf die Beurteilung seiner Eignungsprüfung und somit auf die Investmentempfehlung hat. Auch die Fachkompetenz der Mitarbeiter, die bei der Konzeption von Robo-Advisors und hybriden Modellen beteiligt sind, wird als besonders wichtig hervorgehoben. Dem Kunden sind im Rahmen des Robo-Advisings zusätzliche Informationen bereitzustellen. Diese betreffen weitere Ausführungen über das Geschäftsmodell und damit verbundene Risiken. Es folgen Vorschläge zur technischen Umsetzung der Informationsbereitstellung wie bspw. die zusätzliche Betonung der Informationen durch den Einsatz von Design-Features wie Pop-up-Boxen.

»Know your client and know your product«

Die sogenannten (Online-) Fragebögen, mit denen bisher Informationen zur Durchführung der Eignungsbewertung eingeholt werden, wurden im Form und Inhalt weiter konkretisiert. Bspw. soll die Antwortmöglichkeit »keine Antwort« – insbesondere bei Erhebung von Informationen bzgl. der finanziellen Situation des Kunden – eingeschränkt werden.

Wichtig und neu ist auch die Forderung, das Unternehmen alle angemessenen Schritte (»all reasonable steps«) unternehmen sollen, um die Kenntnisse ihrer Kunden über die Hauptmerkmale und die Risiken der Produktarten im Angebot des Unternehmens hinreichend beurteilen zu können. Was genau damit gemeint ist und ob bspw. ein Wissenstest erforderlich ist, bleibt unklar.

Umfang und Verhältnismäßigkeit der von den Kunden einzuholenden Informationen

Unternehmen sollen über Kunden, die bezüglich ihres gesamten Finanzportfolios beraten werden, mehr Informationen einholen, als über solche Kunden, die um spezifische Ratschläge bitten, wie bspw. die Investitionen eines – im Vergleich zu ihrem Gesamtportfolios – relativ kleinen Geldbetrags.

Zuverlässigkeit der Kundeninformationen – Selbsteinschätzung

Unternehmen sollen Mechanismen anwenden, um das Risiko zu mindern, dass Kunden ihre Kenntnisse und Erfahrungen überschätzen. Die Selbsteinschätzung der Anleger soll möglichst durch objektive Kriterien ausgeglichen werden. Dafür werden zahlreiche Beispiele genannt, u.a. die Verwendung von Graphen, die Vorstellung von positiven und negativen Szenarien oder durch die Einbeziehung von Fragen über die Merkmale und die Risiken der verschiedenen Arten von Finanzinstrumenten.

Neu in diesem Zusammenhang ist auch hier der Hinweis auf Robo-Advice. Es wird unterstellt, dass das Risiko einer Selbstüberschätzung durch Kunden bei der Eingabe von Informationen in ein (halb-) automatisiertes System höher sein kann.

Aktualisierung von Kundeninformationen

Es werden Maßnahmen vorgeschlagen, die verhindern sollen, dass Kunden ihr eigenes Profil oder die Berater die Kundenprofile mit dem Ziel aktualisieren, dass bestimmte Anlageprodukte geeignet erscheinen, die es eigentlich nicht sind. Als Hinweise für ein derartiges Verhalten werden zu häufige Profiländerungen oder Profiländerungen vor oder nach einer Transaktion oder einer Anlageempfehlung aufgeführt.

Vorkehrungen zur Sicherstellung der Eignung

Die Themen Risikodiversifizierung und Vermeidung von Konzentrationsrisiken (bei Kreditrisiken) werden durch zusätzliche Leitlinien besonders betont. So sollten zum Beispiel Kredit- und Marktrisiken nicht mit Liquiditätsrisiken verrechnet werden.

Die weiterhin zunehmende Digitalisierung der Finanzbranche führt zu weiteren Leitlinien zum Thema Algorithmen. Diese werden üblicherweise von Unternehmen verwendet, um eine Eignungsbewertung durch Tools durchzuführen, auch dann, wenn die Interaktion mit Kunden nicht durch automatisierte Systeme erfolgt. Zum Beispiel sollen Unternehmen geeignete »system-design documentations« einführen, in denen klar Zweck, Umfang und Design der Algorithmen definiert werden. Es werden geeignete Richtlinien und Verfahren zur regelmäßigen Fehlererkennung und evtl. Aussetzung der Algorithmen, deren Aktualisierung und Überwachung gefordert.

Den Leitlinien zu Algorithmen folgen die Leitlinien zu Robo-Advice. Auch hier sollen Unternehmen geeignete Richtlinien und Verfahren einführen, welche die Themenbereiche Online-Fragebogen, Vorbeugung, Erkennung und Reaktion auf Cybersicherheitsbedrohungen, Schutz von Kundenkonten, die Verwendung von sozialen und anderen elektronischen Medien behandeln.

Kosten, Alternativprodukte und Tausch

Es wird klargestellt, dass die Anlageempfehlung auch die Kosten und die Komplexität von Anlageinstrumenten berücksichtigen soll. Auf kostengünstigere und vergleichsweise weniger komplexe Anlageprodukte soll nur in begründeten Ausnahmefällen verzichtet werden.

Ebenso konkretisiert werden Kosten-Nutzen-Analysen bei Tauschempfehlungen. Diese sollen zum Beispiel eine Analyse der Netto-Rendite der vorgeschlagenen alternativen Transaktion gegenüber der potenziellen Netto-Rendite der bestehenden Anlage beinhalten. Wie dies im OTC-Derivatebereich umgesetzt werden soll (»Restrukturierungen«) bleibt Auslegungssache. Tauschempfehlungen auf Basis von Risikoänderung oder Diversifikation werden weiterhin möglich sein. Unternehmen sollen durch Stichprobenanalysen »getarnte Tauschempfehlungen« – Tauschempfehlungen, die nicht sofort zu erkennen sind, weil sie z.B. mit einem Tag Verzögerung umgesetzt werden – identifizieren.

What’s next?

Drei Worte, große Bedeutung: Es bleibt abzuwarten, was unter »all reasonable steps«, welche die betreffenden Institute unternehmen müssen, um die Kenntnisse ihrer Kunden „korrekt“ abzufragen und zu »hinterfragen«, zu verstehen ist. Müssen Kunden in Zukunft erst einen Test bestehen, bevor sie bestimmte Produkte handeln dürfen?

Die Konsultation endet am 13.10.17 und ESMA wird dann in Q1/Q2 2018 die finalisierte Version veröffentlichen.

Fazit: Die neuen Entwurfsleitlinien beinhalten einige neue Themen. Sie messen der stetigen Digitalisierung der Finanzwelt einen großen Stellenwert zu. Wesentliche Änderungen in der Anlageberatungspraxis, so wie sie heute in Deutschland bereits bestehen, oder durch die bereits veröffentlichen Level I und Level II Anforderungen der MiFID II bekannt sind, gibt es aber nicht.

Zum Verfasser
Eva Schnürer

Nach dem Studium der Germanistik, Psychoanalyse und Philosophie in Frankfurt arbeitet man vielleicht nicht zwangsläufig in der Finanzbranche, kann sich dort aber überraschend wohlfühlen. Eva Schnürer ist seit September 2017 für das Marketing von LPA zuständig und darüber hinaus verantwortlich für die interne und externe Kommunikation.

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