EMIR Initial Margin

Lessons Learned aus der bisherigen Umsetzung der Initial-Margin-Anforderungen für nicht-geclearte Derivate

In aller Kürze

  • Die Initial-Margin-Anforderungen für nicht-geclearte Derivate treten schrittweise bis 1. September 2020 in Kraft.
  • Die IM-Pflicht erfordert prozessuale und technische Anpassungen im Collateral Management sowie vertragliche Anpassungen mit Kontrahenten. Herausforderungen stellen u.a. die Berechnung der Höhe der Initial Margin und die Segregation der Sicherheiten dar.
  • Die Einführung der Initial Margin hat Auswirkungen auf Pricing und Bewertung von Derivategeschäften sowie auf zahlreiche nachgelagerte Prozesse im Risikocontrolling, Meldewesen und Accounting.
  • Teile der Anforderungen wie die IM-Berechnung und bestimmte Collateral Management Services lassen sich an externe Dienstleister auslagern. Dies erfordert die Etablierung eines geeigneten Auslagerungsmanagements.

Überblick

Die European Market Infrastructure Regulation (EMIR) ist seit einigen Jahren in Kraft und die meisten der darin enthaltenen Maßnahmen, welche den OTC-Derivatemarkt sicherer und transparenter machen sollen, sind bereits umgesetzt. Als letzter Baustein komplettieren die Initial-Margin-Anforderungen für nicht-geclearte Derivate das Regelwerk.

Während die Variation Margin (VM) bereits vor der EMIR-Einführung eine gängige Methode zur Verringerung von Kontrahentenrisiken aus nicht-geclearten OTC-Derivaten war, wurde die Initial Margin (IM) in der Vergangenheit nur von Clearinghäusern gefordert, um die mögliche zukünftige Exposure-Veränderung zwischen der letzten Variation-Margin-Zahlung eines Clearingmitglieds vor dessen Ausfall und der Glattstellung der Positionen nach dem Ausfall abzusichern. Die Delegierte Verordnung (EU) 2016/2251 ergänzt EMIR um technische Regulierungsstandards zu Risikominderungstechniken für nicht durch eine zentrale Gegenpartei geclearte OTC-Derivatekontrakte. Die Initial Margin wird auf diese Weise auf bilaterale Derivategeschäfte übertragen. Bei der Umsetzung kann allerdings nur in Teilen auf Systeme und Prozesse zurückgegriffen werden, die bereits für das Clearing und den Austausch der Variation Margin für nicht-geclearte Derivate genutzt werden.

Wichtige Unterschiede zum Clearing sind beispielsweise, dass die Kontrahenten die Höhe der Initial Margin selbst bestimmen müssen und der Austausch der Initial Margin beidseitig auf einer Bruttobasis erfolgt, d.h. beide Kontrahenten sind zugleich Sicherheitengeber und Sicherheitennehmer. Von der Variation Margin unterscheiden sich u.a. die Anforderungen an die Segregation und Weiterverwendung der Sicherheiten.

Der Umsetzungszeitplan für die Initial Margin für nicht-geclearte Derivate sieht ein schrittweises Inkrafttreten bis 1. September 2020 vor, wobei große Marktteilnehmer bereits seit 2017 zum bilateralen Austausch der Initial Margin verpflichtet sind. Daher können Kontrahenten, die noch am Beginn der Umsetzung stehen, von den Erfahrungen aus bereits abgeschlossenen Implementierungsprojekten profitieren. Mit diesem Newsletter wollen wir beleuchten, wo die Herausforderungen bei der Umsetzung der IM-Pflicht liegen und welche Lösungsmöglichkeiten bestehen.

Selektion der Kontrahenten und Geschäfte

Als erstes müssen die Kontrahenten identifiziert werden, mit denen eine Initial Margin ausgetauscht werden muss, und der Zeitpunkt, ab dem die IM-Pflicht für den jeweiligen Kontrahenten anwendbar wird. Hierzu ist die ggf. bereits vorhandene EMIR-Selbstauskunft zu erweitern sowie systemseitig zu hinterlegen.

Mit den betroffenen Kontrahenten müssen entweder die vorhandenen Rahmenverträge um einen IM-Besicherungsanhang ergänzt werden oder neue Rahmenverträge inkl. IM-Besicherungsanhang abgeschlossen werden. Bei der Anpassung bestehender Verträge kann es zu einer Wertänderung des jeweiligen Derivateportfolios über die sog. Bewertungsanpassungen (xVA) kommen. Bei einer Trennung von Bestands- und Neugeschäften unter separaten Rahmenverträgen sind mögliche Auswirkungen auf die Nettingeffekte zu beachten. Welche Variante schließlich umgesetzt werden kann, hängt nicht zuletzt auch von den Verhandlungen mit dem jeweiligen Kontrahenten ab. Diese Vertragsanpassungen bzw. -neuabschlüsse sollten rechtzeitig initiiert werden, um Engpässe wie bei der Einführung der VM-Pflicht am 1. März 2017 zu vermeiden.

Zur Operationalisierung im Collateral Management müssen die abgeschlossenen IM-Besicherungsanhänge systemseitig hinterlegt werden, um die relevanten Derivateportfolios automatisch ermitteln zu können. Hierbei sind in der Regel verschiedene Systemschnittstellen anzupassen. Für Derivateportfolios, die einem IM-Besicherungsanhang unterliegen, müssen außerdem die relevanten Derivategeschäfte bzw. Geschäftsbestandteile selektiert werden. Physisch abgewickelte Devisentermingeschäfte und Devisenswaps sind von der IM-Pflicht befreit. Bei Cross Currency Swaps ist der Nominaltausch ebenfalls befreit, für die Zinskomponente muss dagegen eine Initial Margin berechnet werden.

Berechnung der Initial Margin

Für die Berechnung der Höhe der Initial Margin kann entweder auf eine aufsichtsrechtlich vorgegebene standardisierte Methode oder auf interne Modelle zurückgegriffen werden. In der standardisierten Methode werden die Nominalbeträge der Derivate eines Netting Sets mit vorgegebenen Prozentsätzen multipliziert. Netting wird über die auch aus der RWA-Berechnung bekannte Net-to-Gross Ratio berücksichtigt. Die prozentualen Aufschläge sind allerdings derart konservativ kalibriert, dass sich die Nutzung eines internen Modells bereits bei kleineren Portfolios empfiehlt. Hierbei hat sich das Standard Initial Margin Model (SIMM) der ISDA als Marktstandard etabliert. Der Vorteil des ISDA SIMM gegenüber eigenentwickelten Modellen liegt auf der Hand: Nutzen beide Kontrahenten das gleiche Modell zur IM-Berechnung, sind Unstimmigkeiten über die Höhe der Collateral Calls deutlich unwahrscheinlicher.

Das ISDA SIMM kann von den Kontrahenten entweder selbst implementiert werden oder es wird der Berechnungsservice eines lizenzierten Vendors genutzt. Bei einer Auslagerung der Berechnung sind allerdings die regulatorischen Anforderungen an das Auslagerungsmanagement zu beachten, dazu gehört u.a. die Modellvalidierung. Auch die Verantwortung dafür, dass das verwendete Modell den regulatorischen Anforderungen entspricht, verbleibt in jedem Fall bei den Kontrahenten. Es ist daher ein entsprechender Governance-Prozess erforderlich.

Collateral Management Prozess

Bei der Abwicklung der Sicherheiten kann unter Umständen in Teilen auf bestehende Prozesse aus dem Austausch der Variation Margin zurückgegriffen werden, z.B. bei der Bestimmung der anerkennungsfähigen Sicherheiten sowie der anzuwendenden Haircuts. Neue Prozesse sind allerdings für die Segregation der Sicherheiten sowie die Überwachung der Konzentrationsgrenzen und des Verbots der Weiterverwendung von IM-Sicherheiten erforderlich. In diesem Zusammenhang sollte die Auslagerung bestimmter Collateral Management Services an einen Triparty Agent geprüft werden.

Nachgelagerte Prozesse

Der Austausch einer Initial Margin für nicht-geclearte Derivate hat einen Einfluss auf die Kontrahenten- und Liquiditätsrisiken und muss daher im Risikocontrolling angemessen berücksichtigt werden. Im Meldewesen ergeben sich Änderungen bei der Berechnung der RWA und der Leverage Ratio. Hierbei sollten bereits die erweiterten Datenanforderungen unter SA-CCR beachtet werden. Außerdem muss die richtige Behandlung der IM-Sicherheiten im Rechnungswesen sichergestellt werden.

Systembild HP

Weitere Implikationen

Die Einführung der Initial Margin verringert die Kontrahentenrisiken aus nicht-geclearten Derivategeschäften und damit auch die Eigenkapitalanforderungen. Im Gegenzug steigen die Fundingkosten, da zusätzliche Sicherheiten gestellt werden müssen, während die erhaltenen IM-Sicherheiten nicht weiterverwendet werden dürfen. Diese Effekte sind sowohl beim Pricing von Neugeschäften als auch bei der Bewertung des Bestandsportfolios über entsprechende Bewertungsanpassungen (xVA) zu berücksichtigen.

Fazit

Die Umsetzung der IM-Pflicht für nicht-geclearte Derivate ist mit zahlreichen Herausforderungen verbunden und betrifft den gesamten Front-to-Back-Prozess. Zahlreiche IT-Systeme und Systemschnittstellen müssen angepasst und Arbeitsabläufe verändert werden. Daher sollten auch Kontrahenten, die erst ab 2019 oder 2020 betroffen sind, rechtzeitig mit den nötigen Vorbereitungen beginnen.

In einem ersten Schritt sollten – sofern noch nicht geschehen – der individuelle Handlungsbedarf des eigenen Instituts ermittelt und grundsätzliche Entscheidungen zur Wahl der Berechnungsmethode und ggf. der Auslagerung von Prozessschritten getroffen werden. Im Falle des Outsourcings ist eine entsprechende Vendor Selection erforderlich. Anschließend kann mit der Konzeption und Umsetzung des Zielbilds begonnen werden. Weiterhin gilt es die Auswirkungen der IM-Pflicht auf den Handel und Vertrieb von Derivaten zu analysieren und in den Front-Office-Prozessen zu berücksichtigen.
Für tiefergehende Diskussionen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Andreas Hock
Zum Verfasser
Andreas Hock

Seit Juli 2015 arbeitet Andreas Hock als Manager bei LPA im Team Risk & Quant Consulting. Vorher studierte er Finanzmathematik an der Technischen Universität München und sammelte erste Beratungserfahrungen bei PwC. Hier bei LPA beschäftigt er sich nun mit quantitativen Themen rund um die Bewertung von Finanzinstrumenten, Regulatorik und Digitalisierung.

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