Umsetzung der EBA-Leitlinien zu Zinsänderungsrisiken im Bankbuch
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9. April 2018

Umsetzung der EBA-Leitlinien zu Zinsänderungsrisiken im Bankbuch

In aller Kürze

  • Die neuen EBA »Draft Guidelines on the management of interest rate risk arising from non-trading book activities« überarbeiten die bestehenden Leitlinien aus dem Jahr 2015 (EBA/GL/2015/08). Sie behandeln die geänderte Markt- und aufsichtsrechtliche Praxis und sind bis Ende 2018 umzusetzen.
  • Grundlage ist der finale BCBS-Standard zu »Interest rate risk in the banking book« (IRRBB, BCBS 368), welcher in der EU in zwei Stufen umgesetzt werden soll:
    • Bis Ende 2018 wird die Umsetzung des BCBS-Standards durch die Überarbeitung der EBA-Leitlinien eingeleitet.
    • In einem zweiten Schritt werden weitere Vorgaben in technischen Regulierungsstandards präzisiert, mit denen die EBA durch die Revision der CRD IV / CRR mandatiert werden soll, und welche insbesondere den Standardansatz, den Outlier Test und die Offenlegungsanforderungen konkretisieren sollen.
  • Die Anforderungen an die Umsetzung im Hinblick auf Systeme, Schnittstellen und Prozesse sind bereits im Entwurf der neuen EBA-Leitlinien sehr hoch. Insbesondere ist die Modellierung von Behavioural Options (z.B. bei Sondertilgungsrechten) zwingend notwendig.

Ausgangssituation

Schon bis Jahresende müssen nach den Plänen der European Banking Authority (EBA) neue Säule-2-Anforderungen an das Management von Zinsrisiken im Bankbuch umgesetzt werden. Dies geht aus einem Konsultationspapier für neue Leitlinien hervor, welches die EBA im vergangenen Herbst veröffentlicht hat. Die neuen EBA-Leitlinien sollen den ersten Schritt zur Umsetzung des BCBS-Standards 368 in der EU darstellen. Die weitere Umsetzung soll im Rahmen der laufenden Überarbeitung der Capital Requirements Directive IV (CRD IV) sowie der Capital Requirements Regulation (CRR) erfolgen.

Mittlerweile ist die Konsultationsphase beendet und die Rückmeldungen aus der Bankenindustrie auf die Vorschläge der EBA warnen vor einer Überforderung der europäischen Kreditinstitute. So beklagt etwa die Deutsche Kreditwirtschaft, dass beispielsweise die Anforderungen an die Modellierung von automatischen und verhaltensabhängigen Optionskomponenten fast unmöglich zu erfüllen seien – selbst für große Banken. Für kleinere Institute sollte zusätzlich auf eine stärkere Proportionalität der Maßnahmen geachtet werden. Ebenfalls umstritten ist die Ausweitung des Umfangs der neuen Anforderungen auch auf Credit-Spread-Risiken im Bankbuch (CSRBB).

Noch liegen keine finalen EBA-Leitlinien vor, sodass nicht klar ist, ob die Kritik der Bankenindustrie von der EBA berücksichtigt wird. Allerdings sollten Kreditinstitute, angesichts der kurzen Umsetzungsfrist bis 31. Dezember 2018, rechtzeitig die Planung der Implementierung starten. Aus diesem Grund werfen wir im Folgenden einen detaillierteren Blick auf die neuen Anforderungen sowie die damit verbundenen Herausforderungen.

Änderungen und Ergänzungen durch die neuen EBA-Leitlinien

Allgemein werden die Anforderungen an das Management von Zinsrisiken im Bankbuch erhöht. Hinsichtlich der Governance werden in den Leitlinien die Erwartungen der EBA an die IRRBB-Strategie der Institute, die Verantwortung für das IRRBB-Management innerhalb der Institute, den Risikoappetit sowie Prozesse und Kontrollen dargestellt. Die Anforderungen an Prozesse und Kontrollen umfassen auch die IT-Systeme und die Datenqualität, das interne Reporting sowie die Modellvalidierung.

Im Rahmen der internen Kapitalplanung sind die Auswirkungen von adversen Zinsveränderungen auf den Economic Value des Instituts und auf die zukünftigen Erträge zu berücksichtigen. Neben den Zinsrisiken wird der Umfang der neuen Anforderungen explizit auch auf Credit-Spread-Risiken im Bankbuch erweitert. Diesbezüglich stellen die neuen Leitlinien allerdings lediglich High-Level-Erwartungen an die Bestimmung des CSRBB-Exposures, die eine angemessene Messung und Überwachung der Risiken gewährleisten sollen.

Bei der Messung von Zinsrisiken im Bankbuch sind verschiedene Unterkomponenten zu berücksichtigen: Das Gap-Risiko bezeichnet das Verlustrisiko aufgrund von Veränderungen der Zinsstrukturkurve. Hierbei sind nicht nur Parallelverschiebungen, sondern auch unterschiedlich starke Zinsänderungen in den verschiedenen Laufzeitbändern zu berücksichtigen. Das Basisrisiko bezeichnet die relative Änderung von verschiedenen Zinssätzen mit gleicher Laufzeit. Ausdrücklich wird auch eine Berücksichtigung des Optionsrisikos gefordert, das aus vertraglichen und gesetzlichen Optionen resultiert. Dies betrifft sowohl automatische Optionen wie Caps und Floors, aber auch verhaltensabhängige Optionen wie Sondertilgungsrechte in Krediten. Neuerdings fordert die EBA nun auch die Berücksichtigung von währungsspezifischen Schocks und negativen Zinsen. Außerdem gibt sie Richtlinien für Messung und Monitoring von aus Zinsderivaten resultierenden Risiken vor.

Weiterhin beschäftigen sich die neuen Leitlinien mit dem sogenannten Outlier Test, der sich aus Art. 98 (5) der CRD IV ergibt. Dort wird gefordert, dass Institute ihre jeweilige Aufsichtsbehörde informieren, wenn eine Parallelverschiebung der Zinskurve um 200 Basispunkte zu einem Rückgang des Economic Value des Instituts um mehr als 20% der Eigenmittel führt. In diesem Fall sind geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das Konsultationspapier der EBA detailliert die Anforderungen an den bestehenden Outlier Test.

Zusätzlich fordert die EBA zukünftig die Berechnung der sechs im BCBS 368 beschriebenen Stressszenarien. Wenn der Rückgang des Economic Value 15% des Kernkapitals übersteigt, ist ebenfalls eine Information an die Aufsicht erforderlich. Dies dient aber lediglich als »Frühwarnsignal« und führt nicht automatisch zu Gegenmaßnahmen. Stattdessen soll eine solche Information als Anlass für einen verstärkten Dialog zwischen dem Institut und der Aufsicht genommen werden.

Herausforderungen für Kreditinstitute

Erfahrungsgemäß stellen insbesondere die Messung des Optionsrisikos und die konsistente Modellierung der Auswirkungen von Zinsänderungen auf die Erträge und den Economic Value Herausforderungen für Kreditinstitute dar.

Hinsichtlich des Optionsrisikos ist die Umsetzung der neuen Anforderungen, welche die Berücksichtigung von vertraglichen und gesetzlichen Optionen verlangen, in den Systemen der Banken oft nicht ohne weiteres möglich. Dies fängt bereits bei der Identifikation der zu berücksichtigenden Komponenten an. Alleine das Bestehen einer Optionalität ist systemseitig nicht immer erfasst und ggf. technisch auch noch nicht erfassbar. Ein Kredit, welcher nach § 489 BGB ein Kündigungsrecht enthält, bzw. die Auslegungen der Rechtsprechung zu negativen Zinsfeststellungen, können solche Beispiele für eine entsprechende Behandlung sein, für deren Fallunterscheidung bislang keine explizite Erfassung vorgesehen war.

Die nächste Herausforderung ist die Bewertung der Optionen: Die bewertungsrelevanten Charakteristika müssen ebenfalls vollständig und eindeutig erfasst sein (z.B. Zeitpunkt und Frist der Kündigung, Kündigungsfrequenz, Herabsetzung lediglich des Referenzzinssatzes oder der gesamten Zinszahlung der Zinsperiode). Sofern sie nicht bereits durch andere Umsetzungsprojekte erhoben wurden (z.B. im Rahmen des SPPI-Tests zur Fair-Value-Bewertung nach IFRS 9), muss dies in Vorbereitung auf die neuen Säule-2-Anforderungen zu IRRBB erfolgen.

Eine weitere Herausforderung ist für viele Kreditinstitute die konsistente Modellierung der Auswirkungen von Zinsänderungen auf die Erträge und den Economic Value. Da dies häufig in unterschiedlichen Systemen erfolgt, ist auf einheitliche Annahmen, zum Beispiel hinsichtlich der Ausübung von Sondertilgungsrechten oder des Abzugs bzw. der Wiederanlage fälliger Einlagen, zu achten.

Fazit

Banken und nationale Aufsichtsbehörden sind angehalten die neuen EBA-Leitlinien ab dem 31. Dezember 2018 anzuwenden. Institute sollten sich daher bereits heute mit der Aufgabe der durchzuführenden Berechnungen auseinandersetzen, die Implikationen für die System- und Prozesslandschaft prüfen und bei Bedarf entsprechende Anpassungsmaßnahmen einleiten. Insbesondere die Messung von Optionsrisiken stellt viele Institute vor große Herausforderungen, da häufig gar nicht alle relevanten Produktmerkmale systemseitig erfasst sind oder die nötigen Bewertungsmodelle fehlen. Hinzu kommt die oftmals fragmentierte IT-Systemlandschaft: Nicht nur, dass Input-Daten in unterschiedlichen Systemen vorliegen, darüber hinaus sind sowohl Messungen bezüglich Änderungen der Nettozinserträge als auch bezüglich der Änderungen des Economic Values durchzuführen, was zu Herausforderungen im Hinblick auf die Konsistenz der Annahmen und Modelle führt.

Sehr gerne sind wir Ihnen dabei behilflich, die Herausforderungen erfolgreich zu meistern. Für Fragen und tiefergehende Diskussionen stehen wir jederzeit zu Ihrer Verfügung.

Christian Behm
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Christian Behm

Christian Behm, CFA, ist seit 2004 bei LPA. Er verfügt über breite Erfahrungen im Bereich der Bankenberatung mit einem Kapitalmarktfokus. Als Partner verantwortet er den Geschäftsbereich Risk & Quant Consulting und betreut große Kundenmandate.

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