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22. November 2017

Wo wohnt das „Digital Banking“?

Dynamiken und Stärken digitaler Ökosysteme

In der Welt des Internets haben sich digitale Ökosysteme herausgebildet: Konzerne, die viele Bedürfnisse wie Einkaufen, Kommunizieren oder Bezahlsysteme abdecken. Vernetzung, Kooperation und Synergien können daher effiziente Strategien der Banken auf dem Weg in die Digitalisierung sein.

Kleiner Anfang – globaler Aufstieg

Die Namen sind weltweit in aller Munde: Apple, Google, Amazon und der asiatische Online-Versender Alibaba. Konzerne, die binnen weniger Jahre zu den weltweit erfolgreichsten Dienstleistern im digitalen Sektor gehörten. Ihr Aufstieg ähnelt sich in mindestens drei Aspekten:

  • Sie haben ein Produkt entwickelt, das den aktuellen Bedürfnissen und dem Lebensstil großer Nutzer- bzw. Käuferkreise entspricht. Alle Firmen wurden schnell zu bekannten Marken.
  • Sie haben ihre Service-Palette gezielt ausgebaut und damit die Bestandskunden noch fester an sich gebunden. So wurde Apple vom reinen Computerhersteller zum Medien-Dienstleister; Google wandelte sich von der Suchmaschine zur Kommunikationsplattform und mit Google Home beziehungsweise Alexa zudem zum Hardware-Ausrüster; Amazon stieg vom Versandhaus zum Medien-Anbieter und zum Betreiber von Bioläden in den USA auf.
  • Sie haben sämtliche Kauf-, Bestell- und Bezahlvorgänge systematisiert und ermöglichen damit auf einfachste Weise die praktische Nutzung.

Ein wesentlicher Teil ihres Erfolges liegt darin begründet, dass die Firmen frühzeitig die Bedürfnisse ihrer Kunden erkannt und konsequent mit immer neuen Innovationen bedient haben. Mindestens ebenso wichtig war es aber, die Kunden eng an die Firmen zu binden – mit kostenlos nutzbaren, einander ergänzenden Services. Experten sprechen hier von digitalen Ökosystemen. Und die wachsen: Apple beispielsweise rollt derzeit in vielen Ländern sein digitales Bezahlsystem Apple Pay aus.

Ökosysteme – neu definiert

Diese digitalen Ökosysteme sind nichts anderes als moderne Versionen des guten alten Kaufhauses oder eines Shopping-Malls am Rande der Stadt: Mit einem Besuch erledigt man ganz praktisch alle Einkäufe und Besorgungen. Dafür gibt es heute den Begriff der Customer Journey – mit einer Reise, einem Website-Besuch alles so einfach wie möglich erledigen. Die dabei gewonnene Zufriedenheit zahlt positiv auf das Image der Marke ein.

Ein bedenkenswerter Mechanismus, der dem Finanzsektor neue Perspektiven eröffnen könnte. Kunden erwarten heutzutage viele Services; wenn schon nicht aus einer Hand, so doch an einer Stelle. Die Lösung lautet: Synergie – und die lässt sich durch Kooperationen herstellen. Wenn ein Geldhaus sein Leistungsspektrum kosteneffizient sicherstellen oder sogar erweitern will, lässt sich durch Zusammenarbeit mit einem geeigneten Partner viel Zeit und Geld sparen. Zeit, da die Services des neuen Partners schon nach einer kurzen Frist angeboten werden können. Und Geld, weil hohe Entwicklungskosten weitgehend entfallen. Wenn beide Partner ihre Kompetenzen einbringen, lassen sich Win-win-Situationen schaffen.

Zwei Beispiele verdeutlichen das: Die Online-Bank ING-Diba arbeitet in Sachen Anlageberatung mit Scalable zusammen. Nun liegt zwar nahe, dass eine Online-Bank digital arbeitet, aber statt einen Service neu zu entwickeln, kooperiert die ING-Diba mit einem der erfolgreichsten FinTechs und kann sofort dessen ausgereifte Technik nutzen. Der Kunde findet auf www.ing-diba.de einen neuen Service, und die anbietende Bank ING-Diba partizipiert an den fälligen Gebühren. Da Scalable inzwischen auch über seinen engeren Kundenkreis hinaus an Renommee gewinnt, nützt die wachsende Bekanntheit auch der InNG-Diba.

Die Hamburger Privatbank M. M. Warburg betritt ebenfalls digitales Neuland. Sie bindet für die Anlageberatung vor allem bei niedrigeren Anlage-Volumina jetzt einen Robo-Advisor ein. Anders als bei manchen bereits im Markt operierenden FinTechs, erfolgt hier aber eine ergänzende Steuerung durch Kapitalmarktexperten – also mit Kompetenzen, über die die Produktentwickler von FinTech-Lösungen nicht verfügen. Hier wird klassisches Banker-Fachwissen mit moderner Computertechnik verbunden. Zudem sinkt für die Bank der zeitliche Beratungsaufwand, und das Geldhaus kann neue Kundenkreise erschließen.

Doppelte Strategie nötig

Allerdings dürfte bei Banken der Um- und Ausbau zum rein digitalen Ökosystem nicht ausreichen, um alle Kunden dauerhaft zufriedenstellen und halten zu können. Marktbeobachtungen zeigen, dass gerade in Finanzfragen viele Kunden gern eine direkte Beratung in Anspruch nehmen.

Und genau hier liegt eine der Stärken konventioneller Banken gegenüber den FinTechs: Sie verfügen über eine Banklizenz, die gerade für den Beratungsbereich grundlegende Voraussetzung ist. Daher sind viele FinTechs sehr an Kooperationen interessiert – mit einem entsprechenden Partner können sie auch in Geschäftsfeldern aktiv werden, die ihnen sonst nicht ohne größere Anstrengungen offenstünden.

Die künftige Strategie könnte also lauten: Ausbau der Banken zu digital-basierten Plattformen für alle Fragen und Produkte rund um die Finanzen, gegebenenfalls auch unter Einbindung von Partnern aus dem Bereich Versicherungen. Wird eine mehrkanalige Kommunikation mit den Kunden etabliert, lassen sich sowohl traditionelle Bestands- als auch Neukunden gleichermaßen betreuen.

Und dann wird sich zeigen, ob ein solches digital-basiertes One-Stop-Shopping in Finanzdingen funktioniert. Wenn das Portfolio aus entsprechend modernen und konkurrenzfähigen Produkten besteht, dürften die Chancen dafür durchaus gegeben sein.

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