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22. November 2017

Vom Diesel zur Dividende

Wie Volkswagen neue Finanzdienstleistungen entwickelt

Volkswagen Financial Services nimmt 500 Millionen Euro in die Hand, um sich im Finanzsektor mit neuen Produkten besser aufzustellen – allem voran mit mobilen Diensten. Also in einem Bereich, in dem auch klassische Banken Lösungen entwickeln könnten

Digitale Expansion in Zukunftsfelder

Augen auf im Straßenverkehr: Offenbar beherzigt Volkswagen dieses jahrzehntealte Motto künftig auf ganz neue Weise. Aktuellen Planungen zufolge will die Finanztochter des Konzerns bis 2020 eine halbe Milliarde Euro in den Ausbau mobiler Zahlungssysteme investieren. Die Zahl der Bestandsverträge soll laut „Handelsblatt“ von 18,2 auf 30 Millionen steigen. Straßenverkehr deshalb, weil hier mit weit reichenden Veränderungen zu rechnen ist – und wo Bewegung entsteht, sortieren sich Kraftfelder und Marktanteile neu.

Volkswagen Financial Services führt bereits seit vielen Jahren in den Bereichen Finanzierung und Leasing von Fahrzeugen vor, dass ein Autohersteller auch in benachbarten Wirtschaftsbereichen sehr erfolgreich sein kann. Und jetzt, da sich gleich mehrere grundlegende Umwälzungen im Bereich Automobilwelt abzeichnen, werden auch im Finanzsektor neue Tätigkeitsfelder anvisiert.

Viermal die Nase vorn?

Volkswagen adaptiert dabei vier Trends:

  • Da die Städte mit immer größeren Verkehrsvolumina konfrontiert sind, liegt ein Schlüssel für das Mobilitätsmanagement im optimierten Raummanagement. Vor allem bei Autos betrifft das auch den ruhenden Verkehr – die Parkraumbewirtschaftung wird immer komplexer, stellt aber auch eine willkommene Einnahmequelle dar. Hier entsteht Bedarf an cleveren mobilen Zahlungssystemen.
  • Zweiter Trend ist die Verkehrssteuerung via Maut, wie es zum Beispiel London und Stockholm bereits vormachen. Über gestaffelte Kosten lassen sich Fahrzeugströme auch zeitlich lenken. Mittelfristig benötigen viele Städte ein leistungsfähiges Mautsystem. Auch hier gilt es, vielfache Bezahlvorgänge clever zu managen und daran zu verdienen.
  • Der Paradigmenwechsel in den Antriebssystemen – weg von Verbrennungsmotoren, hin zur Elektromobilität – als dritter Trend eröffnet im Bereich der Ladeinfrastruktur neue Tätigkeitsfelder für Finanzdienstleister. Je einfacher ein Bezahlsystem beim Stromtanken in der Praxis funktioniert, desto mehr Kunden lassen sich dafür gewinnen.
  • Trend vier ist die Vereinfachung der Bezahlsysteme beim klassischen Tanken. Was PayPal gemeinsam mit Shell bereits praktiziert, könnte ein genereller Trend werden: das Bezahlen des Kraftstoffs vom Auto aus, ohne erst die Verkaufsräume der Tankstelle betreten zu müssen. Gerade ein Autohersteller kann hier clevere Features etwa ins bordeigene Navigationssystem integrieren.

Zentrale Anforderung in diesen vier Bereichen ist die Mobilität des Zahlungssystems. Werden die Praxisbereiche alltagstauglich in einer App integriert, lassen sich damit tagtäglich Millionen Zahlvorgänge abwickeln.

Neue Einsatzfelder erkennen

Nachdem Volkswagen beim Thema Abgasreinigung einen fatalen Irrweg eingeschlagen hatte, könnte der Konzern jetzt zeigen, wie er tatsächlich funktionierende Lösungen entwickelt und in die Praxis bringt. Der spannende Aspekt daran ist jedoch, dass hier nicht nur für Volkswagen oder andere Automobilhersteller neue Geschäftsbereiche entstehen: Auch klassische Banken wären in der Lage, digital basierte Lösungen anzubieten – man muss nur jene Felder identifizieren, in denen sich umfassende Entwicklungen abzeichnen, die auch finanzrelevant sind.

Dabei helfen schon ein paar simple Fragen:

  • Wo stehen uns Umwälzungen bevor?
  • Wo ist Zeit eine besonders kostbare Ressource? Wo sind Menschen bereit, für die Zeitersparnis – sprich: Vereinfachung von Vorgängen – Geld zu bezahlen?
  • Wo stehen die Menschen schnell unter Stress und greifen gern zu einem kostenpflichtigen Tool, das ihnen unumgängliche Vorgänge vereinfacht?

Die Antwort lautet in diesem Fall: im Straßenverkehr.

Volkswagen Financial Services muss allerdings nicht der einzige Player im Bereich mobiler Bezahlsysteme im Verkehrssektor sein. Vielleicht kommen ja auch die Energiekonzerne auf die Idee, im Bereich der Elektromobilität und Ladestationen ein eigenes Bezahlsystem anzubieten? Etwa in Form von RWE Financial Services oder Vattenfall Payment Systems? Noch ist der Markt in Bewegung. Auch die klassischen Banken haben die Chance, sich – ob allein oder in Kooperationen – ihren Claim abstecken. Sie müssen es nur erkennen.

 

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