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26. Oktober 2017

Beginner – Gewinner?

First Mover: Auch die beste Idee braucht Glück

First Mover schaffen oder erobern neue Märkte – doch was, wenn die Zeit noch nicht reif für die neue Business-Idee ist oder wenn schnell ein starker Wettbewerb einsetzt? Auch FinTechs erwischen nicht immer den richtigen Moment.

Vom Wettbewerb verdrängt

Es gab einmal eine Zeit, in der die Menschen Fernsehsendungen auf Videocassetten aufzeichneten. Klar, das war VHS! Doch kaum jemand erinnert sich an Video 2000. Grundig und Philips hatten diese Aufzeichnungstechnik 1979 als europäische Antwort zu VHS auf den Markt gebracht. Und Video 2000 war den japanischen Patenten deutlich überlegen: Sagenhafte 16 Stunden Aufnahmen passten auf die Bänder.

Allerdings gelang es den Europäern nicht, in Führung zu gehen. Die ersten Geräte waren pannenanfällig und zu teuer. Und bevor dann die zweite Generation wirklich praxistauglicher Apparate in den Läden stand, hatte JVC für das Videosystem VHS und passende Leerkassetten Lizenzen an andere Hersteller weitergegeben. VHS eroberte so – obwohl technisch schwächer – den Weltmarkt. Video 2000 wurde 1986 eingestellt.

First Mover, Late Mover

Beispiele für Technologien, die nach ersten Erfolgen wieder vom Markt verschwanden, gibt es viele. So im Bereich Elektromobilität: Bis etwa 1910 war Strom ein beliebter und verbreiteter Antrieb für Autos – Porsches erstes E-Mobil datiert von 1900, in den USA fuhren Anfang des 20. Jahrhunderts 60.000 Autos mit Batteriestrom. Doch als die Ölindustrie ein Vertriebsnetz für billige Kraftstoffe aufbaute und mit den größeren Reichweiten benzingetriebener Fahrzeuge warb, war das Ende der Elektromobilität eingeläutet. Hersteller wie Volkswagen unternahmen zwar schon in den 1970er-Jahren Versuche zur Wiederbelebung, doch vom ersten E-Golf wurden 1976 ganze 20 Fahrzeuge abgesetzt. Heute gilt E-Mobilität als der zukunftsträchtigste Wachstumssektor der Fahrzeugindustrie. Doch selbst der innovative Tesla muss mit dem Makel leben, eben nur ein Late Mover zu sein.

In der Computerwelt erwischte es First Mover Konrad Zuse. Der Digital-Pionier stritt sich jahrzehntelang mit dem Patentamt, doch eine patentwürdige Erfindung mochte man in seiner weltweit ersten universellen Programmiersprache nicht erkennen. Heute kann man über diese Experten nur den Kopf schütteln. Mit dem ordinären Reißverschluss scheiterten gleich mehrere Tüftler, bis der Schwede Gideon Sundbäck sich – auch er ein Late Mover – 1912 ein praxistaugliches Verfahren patentieren ließ. Und der einst weit verbreitete Fernschreiber mit Normtastatur wurde von der japanischen Erfindung des Faxgerätes verdrängt, weil man damit auch exotische asiatische Buchstaben übertragen konnte (nämlich als grafisches Faksimile, daher der Name Fax).

Unklare Markt-Parameter

In der Finanzwelt meldete sich Kesh zu Ende November 2017 ab – ein FinTech als gescheiterter First Mover? Möglicherweise. Aufschlussreich sind jedoch stets die Gründe, warum ein Produkt wieder aus dem Rennen geht. Mit Kesh – einem mobilen Zahlungssystem für Kleinbeträge, entwickelt von der Bank für Investments und Wertpapiere (biw) in Willich – wurde das Smartphone zum digitalen Portemonnaie. Allerdings blieb die Verbreitung auf den Raum Willich beschränkt, und das System erwies sich nicht zuletzt durch langwierige Registrier-Prozeduren im Vorfeld als schwerfällig. Wer will schon für das Bezahlen seiner Brötchen beim Bäcker umständlich mit dem Handy hantieren, wenn man die Münzen in der Tasche hat? War Kesh eine Problemlösung ohne dazugehöriges Problem? Oder gab es zu wenige Geschäfte, die sich beteiligen wollten?

War das System nicht wirtschaftlich, weil es sich auf zu kleine Geldbeträge fokussierte? Wurde es zu zaghaft und in einer zu kleinen Region eingeführt, um die kritische Menge an Usern zu gewinnen und richtig abheben zu können? Fand es nicht die nötige Akzeptanz bei Zahlungsgebern und Zahlungsnehmern? Oder war schlicht und einfach die Zeit noch nicht reif für ein innovatives Zahlungssystem für Kleinbeträge? Vom vergleichbaren System Kwitt der Sparkassen – es dient zum Versenden von kleineren Geldbeträgen –  konnten immerhin 260.000 Nutzer überzeugt werden, doch hier ist die angesprochene Kundengruppe wesentlich größer als in Willich.

Vieles hieran mag Ansichtssache sein, und auch andere FinTechs konnten mit ihren Services nicht Fuß fassen. Entmutigen lassen sollte man sich davon aber nicht, sondern eher den Markt noch genauer analysieren. Die biw jedenfalls benannte sich schon im Sommer 2016 in FinTech Group Bank um – das lässt für die Zukunft viel erwarten. Auf ein Neues, First Mover!

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