Brexit: Chancen im Kundengeschäft für Banken in Deutschland
Allgemein / Publikationen
15. November 2018

Brexit: Chancen im Kundengeschäft für Banken in Deutschland

Gestern stellte Premierministerin May ihrem Kabinett das mit der EU ausgehandelte 585 Seiten starke Austrittsabkommen vor. Medien und Märkte werteten die Kabinettszustimmung als Erfolg. Heute sind drei Minister dieses Kabinetts zurückgetreten und es wird erwartet, dass weitere folgen. Damit ist es sehr fraglich, ob es Premierministerin May gelingt, ihre hauchdünne Mehrheit im Parlament erfolgreich zu mobilisieren. Sofern es überhaupt zu einer Abstimmung kommt, droht Premierministerin May doch ein Misstrauensvotum. Das Risiko einer harten Landung am 30. März 2019 ist also keinesfalls gebannt.

Der Brexit stellt die Finanzindustrie vor große Herausforderungen. Neben dem Interbankenmarkt ist das Kundengeschäft gravierend betroffen. Ein Ende des freien, länderübergreifenden Angebots von Finanzdienstleistungen betrifft zum einen Banken, die aus dem Vereinigten Königreich heraus Kunden in Europa betreuen. Zum anderen wirkt es auf die Beziehung zwischen deutschen Banken und ihren Kunden im Vereinigtes Königreich, sofern diese aus Deutschland betreut werden.

Aber auch jenseits der Finanzdienstleistungen zeichnet sich die Gefahr großer Umwälzungen ab. Die Verbindungen vieler deutscher Unternehmen mit dem Vereinigten Königriech sind eng und bedeutsam. Nach Frankreich ist das Vereinigte Königreich für deutsche Unternehmen der wichtigste europäische Absatzmarkt. Etwa 12% der jährlichen Exporte in die EU bzw. ca. 82 Milliarden EUR gehen über den Ärmelkanal, Waren im Wert von ca. 35 Milliarden EUR werden importiert.

Je nach dem Verhandlungsergebnis zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich können die realwirtschaftlichen Implikationen immens sein. Laut einer Studie vom ESCR (Economic and Social Research Council)[1] sind etwa 12% des BIP im Vereinigten Königreich durch den Brexit betroffen. In einzelnen Regionen und Branchen werden Werte jenseits der 40% erreicht. Aber auch in den verbleibenden EU27-Ländern gibt es vereinzelte hohe Ausschläge. Wird für Deutschland über alle Regionen und Branchen zwar nur mit einer Betroffenheit von etwa 5% gerechnet, so werden teilweise zweistellige Werte erreicht, in der Spitze 18% für verarbeitende Industrie im Großraum Hamburg.

Bis jetzt gibt es noch keine klare Entscheidung über die zukünftige Zusammenarbeit von EU und Vereinigtem Königreich. Kommt es – bspw. aufgrund der wichtigen Nordirlandfrage – zu keiner Einigung, wird es ggf. nicht einmal die (derzeit) bis Ende 2020 angedachte Übergangszeit geben. Ein „harter“ Brexit hat also das Potenzial einer kurz- und langfristigen Dämpfung des Bruttoinlandsprodukts. Schwankungen des EUR-GBP Wechselkurses sind im Zuge der Transformation wahrscheinlich und selbst länger anhaltende Niveauverschiebungen sind denkbar.

Laut einer aktuellen Umfrage von Der Treasurer[2] sind 65% der befragten deutschen Treasurer „sehr zufrieden“ mit ihren Brexit-Vorbereitungen und 20% „teilweise zufrieden“. Mithin sind also mindestens sechs von sieben befragten Treasurern (85%) zufrieden. Die Frage, ob sie einen Notfallplan im Falle eines „Hard Brexit“ hätten, verneinten jedoch mindestens fünf von sieben (70%). Diese Gelassenheit bzw. das Vertrauen auf ein „es wird schon werden“ überrascht, zieht ein ungeregelter Brexit für deutsche Unternehmen doch gravierende Risiken nach sich, insbesondere für Exporteure:

  1. Operative Effekte
  • Zollbarrieren verlangsamen und verteuern den Warenverkehr in beide Richtungen
  • Bestehende Lieferketten werden gesprengt
  • Rechts- und Produktstandards verändern sich
  • Unsicherheit hinsichtlich Steuern und Rechnungslegung
  1. Wechselkurseffekte
  • Mögliche kurzfristige Abwertung des GBP zum EUR
  • Nachhaltige Verschiebung der Wechselkursrelationen
  • Negative Umsatzentwicklung durch Volumen- und Preiseffekte
  • Möglicher Verlust der Wettbewerbsfähigkeit, auch im Heimatmarkt
  1. Zinseffekte
  • Steigende Bestände an Roh- und Fertigwaren erhöhen Vorräte und Working Capital
  • Steigende Forderungen (Zahlungsziele) und Liquidität (Sicherheitspuffer und unklare Cross-Border-Cash-Pool-Strukturen) erhöhen Working Capital
  • Erhöhte Investitionen in Läger, Vertrieb und Verwaltung

Ob die Verhandlungspartner den graduellen Übergang zu einer privilegierten Zusammenarbeit einschlagen oder den „Hard Brexit“ forcieren: Für Banken stellen sich – auch jenseits bankspezifischer Themen – viele Fragen. Und dennoch bestehen auch Chancen in der gezielten Ansprache Ihrer (potentiellen) Kunden.

Kundengeschäft gewinnen

Banken aus dem Vereinigten Königreich können viele EU27-Kunden (zukünftig) nur aus einer EU27-Tochter betreuen. Dort müssen die Kunden vollständig neu geschäftsfähig gemacht werden: z.B. KYC und Onboarding für diverse Geschäftsarten. Das Zeitfenster und die derzeitige Verunsicherung in diesen Kundenbeziehungen ermöglicht es, neue Kunden zu gewinnen.

Kundengeschäft ausweiten

Wie aufgezeigt, gibt es viele Gründe, warum durch den Brexit Handlungsbedarf entsteht: Exporte ins Vereinigte Königreich werden durch eine etwaige EUR-Aufwertung zum GBP belastet. Zölle und Einfuhrhemmnisse verteuern oder verzögern zusätzlich. Selbst konzerninterne Geschäfte (Produktions- / Lieferketten) sind betroffen. Das Working Capital ist zu adjustieren. Brexit-bedingt entsteht Zusatzbedarf im Zins-und Währungsmanagement.

Für handlungsfähige Banken ergeben sich daher vielfältige Ansatzpunkte. Mehr darüber, wie LPA Sie bei der Analyse Ihres individuellen Bedarfs begleitet, lesen Sie hier.

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[1] Wen Chen, Bart Los, et al. ‘The continental divide?’ in ‘The trade, geography and regional implications of Brexit’ (Regional Science Vol 97/1, March 2018)

[2] Der Treasurer, Ausgabe 21/2018 v. 31. Okt. 2018 (Umfrage unter 65 Treasurern)

Zum Verfasser
Jan-Henning Becker

Jan-Henning Becker ist Senior Manager bei LPA im Bereich Distribution Advisory. Er hat über 10 Jahre Kapitalmarkterfahrung und arbeitete vor seinem LPA-Einstieg bei einer Frankfurter Investment Bank. Berufsbegleitend hat er sich zum CFA und FRM qualifiziert. Hier bei LPA beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Beratungsthemen rund um den Handel und Vertrieb von Risikomanagement-Produkten.

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