28. Juni 2017

Digitale Zukunft – ohne Beteiligung der Chefs

Studie deckt mangelndes Problembewusstsein auf

Wer richtig fragt, kann verblüffende Antworten bekommen. Eine Studie der Personalberatung Heidrick & Struggles entlarvt eine beängstigende Unbedarftheit vieler Firmenchefs gegenüber der Digitalisierung in ihren jeweiligen Unternehmen. Beschäftigen sich diese mit den falschen Themen, während die große Transformation doch dringliche Chefsache sein müsste?

Digitalisierung nur ein Nebenschauplatz

Für die Studie wurden 1.000 deutsche Führungskräfte aus unterschiedlichsten Branchen nach ihrem „digitalen Lebensstil“ befragt. Bei einer so diffusen Kategorie gaben sie sich in einer Selbsteinschätzung im Schnitt die Schulnote 2,5. Aussagekräftig wird diese selbstgegebene Note erst bei einem Blick auf die Bereiche, aus denen Informationen zum „digitalen Lebensstil“ erbeten wurden. 81 Prozent der Befragten sehen sich demnach als aktive Nutzer sozialer Netzwerke und betätigen sich auf Facebook, Xing, Twitter und anderen Plattformen. Immerhin 71 Prozent nutzen Messaging-Dienste wie WhatsApp, 61 Prozent recherchieren per Smartphone Informationen zu Hotels und Restaurants. Und 51 Prozent sehen per Streaming fern. Klar – wer auf diese Weise digital unterwegs ist, gibt sich gern eine 2,5.

Hallo Bodenstation – was macht ihr denn da unten?

Die private Vertrautheit mit digitalen Angeboten ist schön und gut, in der beruflichen Realität scheint es dagegen düster auszusehen. Kommt der Bereich „Digitalisierung und Firma“ in den Blick, fallen die Antworten der Führungskräfte alarmierend aus:

  • 65 Prozent der Befragten waren noch nie in digitale Projekte in ihrem Unternehmen eingebunden.
  • 24 Prozent der Befragten sind „ab und an“ beteiligt, nur elf Prozent „sehr intensiv“.

Das lässt beängstigende Rückschlüsse auf zwei grundlegende Problemlagen zu:

  • Viele Führungskräfte haben offenbar noch kein Bewusstsein für die Bedeutung der in allen Branchen notwendigen oder stattfindenden digitalen Transformation.
  • Die Digitalisierung der Unternehmen findet nicht ganzheitlich, sondern nur in bestimmten Abteilungen und Projekten statt. Sie wird nur von einer kleineren Anzahl von Mitarbeitern umgesetzt – die Führungskräfte gehören in den wenigsten Fällen dazu.

Anspruch und Wirklichkeit

Ein wenig relativiert wird dieses Bild durch die Antworten auf die Frage, ob sich die Führungskräfte im Bereich Digitalisierung weiterbilden. 60 Prozent der Probanden antworteten, sich angesichts der zunehmenden Digitalisierung Grundkenntnisse im Bereich IT angeeignet zu haben – hoffentlich ist damit aber mehr gemeint als der Umgang mit Facebook, Xing und anderen Plattformen. Immerhin 52 Prozent der Führungskräfte geben an, mindestens ein Seminar zu IT-Themen besucht zu haben. Jeder vierte Umfrageteilnehmer bezeichnet sich sogar als „Techie“ (26 Prozent). Neun Prozent sagen dagegen klipp unklar, dass sie sich für IT-Themen nicht interessieren und die digitale Technik einfach nur zu funktionieren habe. Ebenso gut hätten sie konstatieren können, dass sie die Zukunft nicht interessiere – die habe einfach zu kommen.

Kenntnislos die Zukunft gestalten?

Die Befragung von Heidrick & Struggles zeigt ein mehrschichtiges wie zugleich bedenkliches Bild vom Digitalisierungsbewusstsein deutscher Führungskräfte. Wo es praktisch (WhatsApp) und spielerisch (Facebook, Twitter) ist, werden entsprechende Programme und Plattformen gern genutzt. Wo es jedoch etwas anstrengender wird, nämlich hinsichtlich der eigenen Beteiligung, wird lediglich eine Bereitschaft zur Weiterbildung bekundet – ablesen lässt sich daraus jedoch nicht, ob in dieser Hinsicht tatsächlich aktive Schritte unternommen werden. Auf die Frage „Wollen Sie zukünftig ein besserer Mensch werden?“ hätte Heidrick & Struggles gewiss ebenso viele positive Antworten bekommen.

Wäre den Führungskräften tatsächlich klar, wie existenzentscheidend die Digitalisierung für die Zukunft ihrer Unternehmen ist, hätten sich gewiss deutlich mehr als nur 35 Prozent der Befragten an digitalen Projekten beteiligt. Die hier dokumentierte Selbsttäuschung – die Präsenz auf Facebook oder Twitter ersetzt längst nicht die Digitalisierung des Unternehmens – könnte sich schon bald bitter rächen, wenn weiterhin so viele Führungskräfte dem epochalen Wandel der Wirtschaftswelt gegenüber verschlossen bleiben.

 

Fotocredit: vectorfusionart / 159102790 /fotolia

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