19. Juni 2017

Aus der Zeit gefallen?

Paydirekt vs. PayPal: Vom Kräftemessen der Internet-Bezahldienste

Das Internet – unendliche Weiten. Kommerzielle Galaxien wie Ebay und Amazon umkreisen in endlosen Schleifen kauflustige Kunden. Emsig tragen die Raumtransporter von PayPal Zahlungen hin und her. Plötzlich taucht am Rand des Universums ein fremdes Raumfahrzeug auf: Paydirekt auf Angriffskurs! Was dann passiert, handelt allerdings nicht von intergalaktischen Machtkämpfen – sondern davon, warum derjenige das Nachsehen hat, der zu spät im digitalen Zeitalter ankommt.

Die Bilanz eines Jahres in eineinhalb Stunden

Eigentlich war der Plan nachvollziehbar: 2015 starteten mehrere deutsche Banken ihren Plan, dem US-amerikanischen Bezahlsystem PayPal Paroli zu bieten und sich ein Stück von Gebührenkuchen der Online-Zahlungen abzuschneiden. 2015 – da war Marktführer PayPal bereits seit 17 Jahren aktiv. Und aktiv heißt: erfahren, bekannt, fest im Markt und im Bewusstsein der Kunden etabliert.

Nun wären das alles keine Hinderungsgründe, wenn Paydirekt denn schnell das Fliegen gelernt hätte. Doch ein eher zögerliches Roll-out, die Nichtbeteiligung vieler Sparkassen am Verbund und kleinliches Gezicke, wer welchen Anteil der Marketingkosten tragen sollte, hemmten den Start. Ein Raumschiff auf Konfrontationskurs sieht anders aus: Im Herbst 2016 hatte Paydirekt 650.000 registrierte Kunden – PayPal jedoch 17.200.000. Ähnlich die Diskrepanz bei den Händlern, die den Bezahldienst akzeptieren: Paydirekt konnte 240 vorweisen, PayPal 50.000. Einsetzen ließ sich PayPal in 201 Ländern und Regionen außerhalb Deutschlands – Paydirekt nirgendwo. Und das spiegelte sich in der Zahl der Transaktionen in 2016 wider: Paydirekt schaffte 100.000 – PayPal stolze 535.000.000. Drastischer ausgedrückt: Paydirekts Jahresbilanz schafft PayPal binnen eineinhalb Stunden.

David gegen Goliath im digitalen Bezahlwesen?

Der Analyse-Dienst Statista sieht das Henne-Ei-Problem als Ursache: Solange es kaum registrierte Kunden gibt, akzeptieren wenige Händler den neuen deutschen Bezahldienst. Und wenn nur wenige Händler mitmachen, sind eben auch kaum Nutzer an einer Registrierung interessiert. Vergleichsweise hohe Gebühren für die Händler sowie ein umständlicher Registrierungsvorgang für die Kunden lassen Paydirekt zusätzlich unattraktiv erscheinen.

Regeln der digitalen Welt

Tatsächlich könnten noch weitere Faktoren Paydirekts Schattendasein erklären.

  • Das Internet ist international: Ein nur auf Deutschland fokussierter Bezahldienst beschneidet sich selbst um wesentliche Märkte.
  • Im Internet zählen Erfahrung und Vertrauen: Wer wie PayPal seit 19 Jahren den Markt dominiert, kennt die Psychologie seiner Kunden nahezu perfekt.
  • Das Internet funktioniert viral: Je besser und bekannter ein Service ist, desto schneller verbreitet er sich und desto stabiler ist seine Marktstellung.
  • Mit dem Dienst Sofortüberweisung – der Tochter des schwedischen Klarna-Konzerns – gibt es bereits eine in Deutschland akzeptierte Konkurrenz.

Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht, das zeigt sich mal wieder am Beispiel von Paydirekt. Und während die Hemmnisse unter den an Paydirekt beteiligten Geldhäusern kontrovers diskutiert werden, tauchen bereits weitere intergalaktische Angreifer auf dem Bezahlradar auf: Alipay aus China liebäugelt mit dem deutschen Markt, findige FinTechs haben die Verlagerung des Zahlungsverkehrs hin zum Smartphone im Blick, und auch das längst erwartete Apple Pay wäre ein höchst gefährlicher Angreifer.

Immerhin taugt Paydirekt als spannendes Lehrstück für die Digitalisierung des Bankenwesens. Konkret: Es gibt beim Einstieg in die Digitalisierung keine Zeit zu verlieren, sonst nimmt sich jemand anderes den Markt und den Gewinn. Und niemand hat Zeit für Experimente: Anstatt wie Paydirekt viel zu spät ein neues System erfinden und etablieren zu wollen, könnten bereits existente und effiziente Software-Lösungen adaptiert werden.

Die Weiten der digitalen Finanzwelt erfolgreich erobern – oder als ausgebrannte Raketenstufe abstürzen: Das ist die Wahl.

Fotocredit: paydirekt

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