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9. Oktober 2017

Neuer Name – alles beim Alten

Wie die Energieriesen ihre Zukunft aufs Spiel setzten

RWE verwandelt sich in Innogy, E.ON gründet Uniper: Neue Namen können nicht ungeschehen machen, dass die klassischen Energieerzeuger den Wandel zu sauberen Technologien falsch eingeschätzt haben und viel zu spät reagieren. Ein Lehrstück von fehlender Offenheit gegenüber Innovationen und den Tücken konservativer Geschäftsführung.

Als Zwerge gestartet …

Als 1983 an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste die Growian – die „Große Windkraftanlage“ – in Betrieb ging, lehnten sich die Vorstände der bundesdeutschen Energieversorgungsunternehmen entspannt zurück: Ein Windrad mit drei Megawatt Leistung, das gerade mal eine Handvoll Haushalte mit Strom versorgen konnte, sollte die Zukunft der Energieerzeugung sein? Dass Growian bis zur Stilllegung 1987 gerade einmal 420 Betriebsstunden lang Strom produziert hatte, wurde als Beweis genommen: Windstromerzeugung ist eine Sackgasse.

Und so fand es dann auch kaum noch Beachtung, dass zeitgleich mit der Growian ausgerechnet auf Pellworm – immerhin einer Insel in der kühlen Nordsee – eine 300-Kilowatt-Solarfarm den Betrieb aufnahm. Ausgerechnet dort! Die Energieerzeuger zuckten ob solcher Nischentechnologien mit den Schultern und bauten ihre fossilen und atomaren Stromerzeugungskapazitäten aus – die echte Zukunft konnte kommen.

… und als Riese am Ziel

Die Zukunft kam auch, wenngleich völlig anders als erwartet: Windstromerzeugung ist ein global lukratives Hightech-Business mit riesigen, hoch effizienten Generatoren on- und offshore. Die weltweite solare Energiegewinnungskapazität beträgt das 765.000-fache der Pellwormer Anlage (Stand 2016). Und die Energiekonzerne? Die schrieben zunehmend Milliardenverluste und bemühen sich nun, durch Umstrukturierung das Ruder herumzureißen. Aus RWE wurde Innogy, E.ON versucht, mit der Unternehmensausgründung Uniper seine konventionellen Kraftwerke an den Mann zu bringen. Vattenfall verkauft ostdeutsche Braunkohle-Tagebaue zu Niedrigstpreisen. Bei einem Weitermachen wie bisher, so hat es den Eindruck, würde bei den konventionellen Stromproduzenten das Licht ausgehen. Was sich im Übrigen schon vor mehr als 40 Jahren beim Club of Rome in dem Manifest „Die Grenzen des Wachstums“ nachlesen ließ.

Eine 765.000-fache Steigerung beim Solarstrom binnen 33 Jahren – dieser eindrucksvolle Zuwachs ist nicht allein technologisch begründet, sondern auch Ergebnis globaler ökologischer und politischer Entwicklungen. Solche Wandlungen zu erkennen und richtig zu deuten, ist im Nachhinein immer leicht – aber in der Praxis eine Herausforderung.

Aus fremden Fehlern lernen

Genau wie die Stromerzeugung steht der Bankensektor vor einer grundlegenden Transformation. Welches Bild vom Banking würde sich wohl zeigen, wenn man auf dem Zeitstrahl um 30 Jahre nach vorn springen könnte? Die Digitalisierung wird mit viel größerer Wahrscheinlichkeit eine Rolle spielen als analoge Prozesse. Und so täten viele Banken gut daran, sich die aktuellen Erfolge der „jungen Wilden“ anzuschauen und das Rezept zu studieren, das den FinTechs ihre Wettbewerbsvorteile ermöglicht. Und das heißt: Digitalisierung.

FinTechs – vor kurzem noch die Zwerge im Finanz-Business – beweisen tagtäglich, wie sich mit digitalen Technologien und neuen Produkten Anteile am internationalen Finanzmarkt erobern lassen. Nun liegt es an den klassischen Banken, dass ihr Wettbewerb mit den FinTechs nicht zum Wettlauf von Hase und Igel wird. Denn egal, wo der atemlose Hase auch ankommt: Der kluge Igel ist schon da, sei es in Gestalt alternativer Stromerzeuger oder innovativer FinTechs. Doch keine Bank muss wie in der Fabel vor Erschöpfung tot umfallen – das Motto heißt eher: Vom Igel zu lernen heißt gewinnen zu lernen. Gewinnen aber lässt sich nur noch mittels Digitalisierung.

Ein aktuelles Projekt zeigt übrigens, wie die innovativ gewandelte RWE als Innogy vom Igel gelernt hat: Sie gibt den Bau des riesigen 860 Megawatt starken Nordseewindparks „Triton Knoll“ ab 2018 bekannt. Die Zukunft liegt offenbar doch nicht so weit von der Growian entfernt.

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