11. Juli 2017

Kauft Facebook sich eine Bank?

In der Finanzwelt sind grundlegende Umbrüche nicht auszuschließen

Viele jüngere Menschen, die Digital Natives, können sich einer aktuellen Umfrage zufolge vorstellen, Bankgeschäfte und Versicherungen direkt mit Amazon, Google oder Facebook abzuwickeln. Wann erwacht diese schlafende Konkurrenz klassischer Banken, und was würde das für den traditionellen Finanzsektor bedeuten?

Wenn Wettbewerber den Markt aufmischen

Service rund ums Geld bieten viele: klassische Banken, Online-Geldhäuser, FinTechs. Stationär und digital, mit mehr oder weniger kundenfreundlichen Öffnungszeiten oder im Internet zu jeder Zeit . Da sollte eigentlich jeder Bedarf gedeckt sein.

Sollte. Ist es aber möglicherweise nicht – dynamische Märkte zeigen immer wieder, dass Platz ist für Wettbewerber. Wenn die attraktive Produkte, eine clevere Marketing-Strategie und den besseren Kundenservice bieten, können sich die Marktanteile sehr schnell verschieben. Das demonstrieren derzeit Tesla Motors und Uber: Tesla baut bahnbrechende Autos mit elektrischem Antrieb – auch wenn das Unternehmen noch nie Gewinn eingefahren hat und sich an der Produktion des ersten Massenmodells nach Expertenmeinung verheben könnte, beeinflusst das Unternehmen doch die Produktstrategie vieler anderer Autohersteller.

Ähnlich Uber: Das für seine skrupellose Herangehensweise berüchtigte Unternehmen ignoriert bestehende Regeln und sogar Gesetze – schamlos wildert es weltweit im Markt der innerstädtischen Personenbeförderung. Hält es diese Strategie lange genug durch, werden bestehende Strukturen zerstört, und der Markt gehört dem Angreifer. Uber nutzt die Potenziale der Digitalisierung für sein Geschäftsmodell und ist darin bestehenden Beförderungsunternehmen überlegen.

Einmal Kunde – immer Kunde

Trotz des breiten Serviceangebots: Auch in der Finanzwelt ist jederzeit mit grundlegenden Umbrüchen zu rechnen. Im Silicon Valley schlummern Giganten mit globalem Potenzial. Wie groß ihre bislang ungenutzte Chancen für ein Eindringen in die Finanzwelt sind, zeigt eine Erhebung der Beratungsfirma Accenture von Anfang 2017, für die weltweit knapp 33.000 Bank- und Versicherungskunden in 18 Nationen befragt wurden. Nahezu ein Drittel von ihnen steht dem Gedanken offen gegenüber, seine Finanzgeschäfte mit Amazon, Google oder Facebook zu tätigen. 31 Prozent der Bank- und 29 Prozent der Versicherungsgeschäfte würden demnach zu den Internet-Riesen abwandern. In Brasilien wären es sogar 50 Prozent, in Italien immerhin 42 Prozent. Bei uns sind die Befragten eher zurückhaltend.

Treibende Kraft ist die Bereitschaft der Verbraucher, sich bei der Beratung in Geldfragen verstärkt auf Computerprogramme zu verlassen – den Weg dahin könnten Vergleichsportale geebnet haben, die nach Eingabe einiger Grunddaten die beste Versicherung oder den besten Kreditzins auswerfen. Wenn die grundsätzlich und täglich gern genutzten Konzerne wie Facebook, Google und Amazon solche Dienste anbieten, ist offenbar das Vertrauen groß, denn die haben ja quasi das Internet-Business erfunden.

Daten als ausschlaggebendes Potenzial

In einer Zeit, in der Suchmaschinenbetreiber selbstfahrende Autos konstruieren und Computerhersteller weltumspannende Musikbörsen betreiben und demnächst wohl auch Fernseher anbieten, ist die Erweiterung des Geschäftsmodells auf Finanzdienstleistungen keineswegs abwegig. Zumal die Ausgangsposition optimal ist: Alle erfolgreichen Digitalkonzerne verfügen über riesige Datenbestände, die ihnen ermöglichen, sehr schnell sehr personalisierte Services anzubieten. Und wer auch sonst gegenüber Facebook, Google und Co keine Scheu hat, sich und seine Daten zu offenbaren, würde sich über die Erweiterung der Dienste freuen.

Egal, ob durch feindliche Übernahme oder Neugründung: Verhindern ließe sich das Umkrempeln des Finanzmarktes durch die Internetriesen nicht. Umso so mehr sollten die derzeitigen Akteure klug handeln und sich in ihren Kundenservices modern und kreativ aufstellen. Wer sich von seiner Bank oder Versicherung bestens bedient fühlt, wird nicht leichtfertig zu einem anderen Anbieter wechseln, nur weil der vielleicht eine Idee billiger ist. Und die Fähigkeit von Facebook oder Google, alle persönlichen Daten miteinander zu verknüpfen, dürfte auch nicht jedem Verbraucher gefallen.

Die Perspektive ist klar: Über kurz oder lang wird Konkurrenz in die Finanzwelt eindringen, möglicherweise auch ein ganz anderer Player, der nicht aus dem Silicon Valley stammt. Es gilt also, vorausschauend zu handeln – jede Bank, die die unbedingt nötige Digitalisierung unnötig verzögert, wird irgendwann keine Geschäftsgrundlage mehr haben.

Fotocredit: Fotolia, Jr Casas, 155078986

 

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