12. Juli 2017

Prost, digitale Bankenwelt!

Was Mikrobrauereien und Digitalpioniere aus dem Bankensektor verbindet

Möglicherweise liegt das Geheimnis verborgener Wirtschaftsmechanismen irgendwo zwischen Kronkorken und Kontoeingang. Denn die Parallelen zwischen dem globalen Bierbraugeschehen und der Bankenwelt sind verblüffend. Wir verraten, welche Marktgesetze und Produktstrategien Craft Beer und FinTechs miteinander verbinden.

Platz da, Großer!

Nur selten steht drauf, was drin ist: So viele unterschiedliche Biermarken der Markt auch bietet, eine große Anzahl von ihnen gehört zu denselben global aktiven Braukonzernen. Massenproduktion und Dumpingpreise machten lange Jahre den kleinen Brauereien das Überleben schwer – viele mussten aufgeben und an „die Großen“ verkaufen. Ein Konzentrationsprozess mit weitreichenden Folgen für das Endprodukt: Gab es in Deutschland einstmals viele Tausend unterschiedliche Biere mit individuellem Geschmack und ausgefeilter Rezeptur, führten Effizienzzwänge zu einer Verarmung. Bierbrauen lohnte sich nur in immer größeren Braukesseln, die Produktionsanlagen ließen keine kleinen Marken mehr zu. Bier wurde zu einem Massenprodukt – regionale Identität, persönlicher Charakter und Wiedererkennbarkeit gingen verloren.

Ein Mechanismus, der auch in der Bankenwelt zum Tragen kommt: Noch vor wenigen Jahren hatte nahezu jede Stadt ihre eigene Sparkasse, die größeren Banken waren vor Ort mit einer kleinen Filiale präsent. Der Kostendruck führte zu einem Konzentrationsprozess mit nachfolgender Verarmung: Örtliche Sparkassen fusionierten zu Kreissparkassen, von denen sich wiederum viele zusammenschlossen. Was der Kunde sich dazu dachte, interessierte niemanden.

Im Schatten herangewachsen

Mittlerweile ist der Punkt erreicht, wo der Bankkunde in die nächste Kneipe geht und zum Craft-Bier greift. Diese handwerklich hergestellten, individuellen Erzeugnisse engagierter Mikrobrauereien entpuppen sich als zwar kleines, doch qualitativ hochwertiges Alternativangebot zur Massenware. Auf die Finanzwelt übertragen: Weil sich das konventionelle Produktspektrum und der Gebührenrahmen der großen Finanzinstitute so sehr ähneln, sind besonders jüngere, digital orientierte Kunden für neue, moderne Ansätze empfänglich. Genau wie die Bierliebhaber keine Lust mehr auf lauter ganz ähnlich schmeckende Produkte haben, die nur auf den Etiketten eine vermeintliche Individualität suggerieren.

Längst sind im Schatten „der Großen“ – beim Bier wie bei den Finanzen – neue Player herangewachsen, die ihr Produkt und ihre Dienstleistung völlig neu erfunden und definiert haben. Und damit beginnen, ihre Märkte aufzurollen.

Craft Beer wird in kleinen Mengen gebraut, es ist

  • regional,
  • handwerklich,
  • individuell,
  • experimentierfreudig,
  • kreativ und
  • überraschend anders.

Kein Wunder, dass es sich wie auch die Biersorten anderer Kleinbrauereien zunehmender Beliebtheit erfreut. Gab es 2005 in Deutschland 1.985 Brauereien mit einer im Branchenmaßstab geringen Jahresproduktion bis 50.000 Hektoliter, wuchs ihre Zahl bis 2016 auf 2.332 an. Tendenz steigend. Umso beachtlicher, als der bundesweite Bierkonsum generell zurückgeht. Zwar können es die kleinen Brauer mengenmäßig keineswegs mit den etablierten Braukonzernen aufnehmen – aber sie stecken erfolgreich neue Claims ab und setzen Marktsignale. Die Großbrauereien reagieren darauf und beginnen, wieder kleinere, individuelle Marken herzustellen. Das vernachlässigte Massenprodukt Bier erlebt eine Aufwertung.

So cool und erfolgreich wie Craft-Bier sind auch die neuen, durchgehend digitalen Angebote der FinTechs. Die Start-ups aus der Finanzbranche sind ebenfalls

  • individuell,
  • experimentierfreudig,
  • kreativ und
  • überraschend anders.

Den Kunden kennen – den Markt verändern

Die FinTechs setzen in ihrem Markt neue Fixpunkte, an denen sich die großen Geldhäuser unweigerlich orientieren müssen. Die Ausgangsposition der FinTechs ist ausgezeichnet: Während die engagierten Braumeister auf den Geschmack der Biertrinker vertrauen und mit ihren neuen Rezepturen wagemutig sein müssen, kennen die findigen Köpfe der Finanz- Start-ups ihre Kunden weit besser, da sie über eine mit jeden neuen Kunden und jeder Transaktion wachsende Datenbasis verfügen und ihre Dienstleistung immer genauer auf den Kundenbedarf zuschneiden können. Auch die Craft-Bier-Brauer ergänzen ihre erfolgreich gestarteten Marken mit ergänzenden Angeboten, sowie sie positive Rückmeldungen aus dem Markt bekommen. Beide schaffen Realitäten und verändern Marktregeln, die dann auch für ihre übermächtigen Konkurrenten gelten. Ein Mechanismus, der sich gleichermaßen in Deutschland, Europa oder in den USA beobachten lässt.

Ob Gerstensaft oder Geld: Nicht jedes Angebot hat das Zeug, massentauglich zu sein. Und manche Brauer wie FinTechs bedienen bewusst Nischen. Beide zeigen aber, dass sich Märkte angreifen lassen, wenn die bislang erfolgreich agierenden Unternehmen nachlässig werden, auf Expansion und Masse setzen, die Bedürfnisse ihrer Kunden geringschätzen und neue Trends missachten. Dann ziehen die FinTechs ihre digitalen Pfeile aus dem Köcher, erobern ansehnliche Teile des Marktes – und gehen hinterher ein Craft Beer trinken.

Bild: Fotolia, lukeruk, 160967670

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