Fotocredit: Pressefoto Apple
19. Juni 2017

Apple: Pay per Pod

Wenn Computerhersteller sprechende Bankfilialen verkaufen

Worte statt Taten: Dieses Motto zieht in immer mehr deutsche Haushalte ein. Technische Apparate mit weiblichen Stimmen lauschen den Bewohnern fast jeden Wunsch vom Munde ab. Warum noch am Computer Fragen an Google oder Bestellungen bei Amazon eintippen, wenn das auch auf Zuruf klappt? Ein Zukunftsszenario aus dem digitalisierten Finanzverkehr.

„Schieb mal die Kohle rüber, Siri!“

Die Regentschaft von Alexa, Siri und Cortana hat gerade erst begonnen. Die Rede ist von kleinen Kommunikationsstationen wie Amazon Echo, Google Home und ab 2018 auch Apple HomePod, die mittels Mikrofonen in unsere Wohnung hineinlauschen und sprachgesteuerte Befehle ausführen können. Big Data hin oder her: Solche kleinen Zaubergeräte erfreuen sich nach ihren Erfolgen in den USA und anderen Ländern auch bei uns wachsender Beliebtheit, machen sie das Leben vordergründig doch so komfortabel. Ruft man beispielsweise „Alexa, bestell mal Klopapier“ ins Wohnzimmer hinein, schallt ein „Schon gemacht!“ zurück. Dafür noch einen Finger zu krümmen, ist bald Vergangenheit. Die Pseudodamen – die blitzschnell auf Google und anbietereigene Datenbanken zugreifen – wissen so viel, führen alle Befehle umgehend aus und können auch die Heizung oder Beleuchtung auf Befehl regulieren. Nachvollziehbar, dass sich Amazon Echo schon hunderttausendfach verkauft hat.

Eigentlich ist es da nur eine Techno-News unter vielen, wenn auch Apple auf seiner Entwicklerkonferenz ein eigenes System vorstellt: den HomePod. Selbstverständlich sieht er etwas stylischer aus als die Konkurrenzprodukte, und die Wiedergabequalität von Musik ist besser. Das kann man von Apple schließlich erwarten. Und obwohl der HomePod – ausgestattet mit der schon im iPhone aktiven Stimme von Siri – laut Papierform vorerst kaum mehr als die anderen digitalen Wunscherfüllungs-Terminals kann, könnte seine Markteinführung eine Zeitenwende bedeuten. Denn Apple hat noch ein paar weitere Pfeile im Köcher. Dazu zählt – kaum beachtet, weil in Deutschland noch nicht verfügbar – Apple Pay, das hauseigene Bezahlsystem.

Das bis 2015 zu Ebay gehörige Bezahlsystem PayPal kennen und nutzen bereits viele Verbraucher in Deutschland, Apple Pay könnte ihm aber binnen kürzester Zeit erhebliche Konkurrenz machen und dem Konzern aus Cupertino einen ansehnlichen Anteil an digitalen Zahlungstransfers sichern: Apple lebt von der Markentreue und Markenfaszination seiner Kunden. Wer mit Apples Computern zufrieden ist, trägt auch die Apple Watch, kommuniziert mit dem iPhone und installiert daheim den Apple HomePod. Diese Systemkohärenz und die umfassende Erfahrung als Hardware-Hersteller hat Apple den anderen Anbietern voraus.

Das folgende Szenario hat daher einen hohen Realitätsgehalt: Sind erst alle nötigen Systeme installiert, wird die dienstbeflissene Siri sehr wahrscheinlich auch Überweisungen und Geldtransfers ausführen – stimmgesteuert, eine Art Telefonbanking der relaxten Art, nur eben ohne Telefon. Und nicht mehr mit der Hausbank des Auftraggebers, sondern mit Apple Pay. Denn eher früher als später werden sich Apple-Fans die logische Frage stellen, ob sie nicht besser generell das systemeigene Bezahlsystem nutzen sollten, über das sich auch gleich die Musik- und Film-Abonnements abrechnen lassen und das ja supercool per Stimmbefehl funktioniert. Spätestens ein Discount dürfte die rabattfreudigen Deutschen endgültig in Apples Produkt- und Service-Universum locken und sie dort festhalten.

Karten werden neu gemischt

Sollen sie doch, mag da der eine oder andere denken. Ja, das werden sie auch tun, über kurz oder lang. Und erst dann merken heimische Finanzinstitute, dass sie in einem weiteren Segment ihres ureigenen Business-Feldes entbehrlich werden. Die wahre Konkurrenz kommt nicht aus dem Banken-Umfeld, sondern aus der digitalen Welt. Und Apple als einer der potentesten Player der digitalen Welt braucht nicht erst digitalisiert zu werden – Apple ist die Digitalisierung schlechthin.

Okay, noch geht es hier um Potenziale. Doch die eigenen wie auch die Potenziale von (neuen) Konkurrenten sollte jeder kennen, der in einem sich schnell verändernden Geschäftsfeld wie der Finanzwelt aktiv ist. Wer Apple kennt, weiß, dass der Konzern seine Kräfte sehr genau kennt. Wer Apples denkbarem Einzug in die Finanzwelt etwas entgegensetzen will, muss da zweifellos sehr schnell sein, um überhaupt den Hauch einer Chance auf Marktanteile zu haben. Das vermeidbare Drama um Paydirekt spricht da allerdings eine andere Sprache. Doch das ist eine andere Geschichte …

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